Mittwoch, 24 August 2022 10:31

Tränen sind Gebet.

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Konfirmation Konfirmation Seelengrund

Als ich das letzte Mal in einer Nachbargemeinde zu einem Gottesdienst im Garten war, wurden die Besucher aufgefordert, sich während des Gottesdienstes zu Gesprächsgruppen zusammen zu finden. Die Gruppen beschäftigten sich mit dem Thema "Ziele". Schnell diskutierte sich meine Gruppe hin zu einem allgemein gültigen Ziel, nämlich , dass die katholische Kirche sich neu finden muss. Dies sei aber nur möglich, wenn man sich den alten Riten und Gesetzen wieder mehr positiver zuwenden würde... Es war mir ziemlich anstrengend der Gruppe zu folgen, da der Grundton insgesamt recht wenig mit meinem eigenen Ansichten konform ging. "Wir müssen...wir sollen...wir dürfen nicht..."; ich war etwas perplex, da ich diese Haltung aus meiner eigenen Gemeinde so nicht kenne. Doch dann sagte ein älterer Herr recht leise: "Wir müssen wieder lernen zu beten."

Eine Teilnehmerin kam nach dem Gottesdienst nochmal auf mich zu und bat um ein weiteres Gespräch. Sie nahm Bezug auf das Vorgespräch und nachdem ich ihr erklärt hatte, dass meine Art des Gebetes häufig der musikalische Lobpreis sei, gab sie mir zur Anregung: " Wir müssen den Jugendlichen in unseren Gemeinden Erfahrungsmöglichkeiten bieten, in denen sie selber Gott begegnen. In denen sie spüren, da ist etwas, was was mit mir macht. Da ist ein Gegenüber, das sie selbst spüren können..."

Diesen Satz nahm ich gerne mit nach Hause. Ich ließ ihn mir mehrere Tage durch den Kopf gehen. Es ist mir bewusst, dass die Musik bei Gottesdiensten, Andachten, Konzerten... selbst schon viel mit den Zuhörern macht. Manches Mal spielen wir ein paar Takte an und die ganze Atmosphäre ändert sich. Nicht immer, aber manchmal kann ich mich selbst fallen und tragen lassen, singe, ohne nachzudenken, spüre die Töne, lass sie fließen und bin mir sicher, da ist etwas... Jemand...Ich spüre Wärme und Kraft und kann diese wie selbstverständlich durch meine Stimme zum Ausdruck bringen.

So durfte ich es zuletzt bei einer Konfirmation in der hiesigen evangelischen Gemeinde erleben. Hin und wieder, in ganz intimen Momenten, darf ich selbst wahrnehmen, dass mit meinen Gegenüber in der Gemeinde etwas passiert...Ich sehe die Art und Weise, wie sie uns zuhören, vielleicht zustimmend sanft nicken, berührt werden, strahlen, aber auch weinen. Sie sind ganz versunken und wirken dennoch, als wären sie im Dialog mit Jemanden...Während der Mann in der ersten Reihe zunächst versuchte, seine Tränen zu verwischen, ließ er sie schließlich ungehemmt laufen. Er lächelte und blickte mich an. Nach dem Gottesdienst gingen die Besucher aus der Kirche, er selbst aber kam zu mir, nickte nochmal und bat um eine Umarmung, die ich ihm gerne schenkte. Das Erlebnis hat mich tief berührt. Es hat mich bestärkt, in dem was wir machen. Und es hat mir nochmal klar vor Augen geführt:

Musik ist Gebet.

Schweigen ist Gebet. 

Tränen ist Gebet...

Wir müssen es nicht wieder lernen. Wir müssen es nur zulassen.

Gelesen 342 mal Letzte Änderung am Sonntag, 28 August 2022 11:34
Alexandra Heer

Alexandra Heer hat sich mit SeelenGrund eine Heimat geschaffen, die es ihr erlaubt, neben Pädagogin und Mutter, viele verschiedene Rollen ausleben und füllen zu dürfen. Dem Texten und Komponieren ihrer Lieder geht stets eine eigene, persönliche thematische Auseinandersetzung voraus, welche sich in der musikalischen Darbietung erspüren lässt. Basierend auf einem christlichen Gottesbild setzt sie ihre irdischen Erfahrungswerte über Beziehung, Gemeinschaft, Werteverständnis in eine mögliche Kommunikationsebene zu Gott. In ihrem Blog berichtet die Sängerin über Erlebnisse, Begegnungen und Erfahrungen rund um ihre Wahlheimat "SeelenGrund".

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